Soziale Arbeit zwischen Kundenorientierung und Stigmatisierung
In Zeiten, da Begriffe wie Partizipation, Kunden- oder Klientenorientierung regelrecht inflationär gebraucht werden, scheint es nicht populär zu sein, mal hinter die Fassaden Sozialer Arbeit zu schauen. Denn bei näherer Betrachtung sind in der Jugendhilfe offenbar nur bestimmte Kundengruppen interessant, nämlich jene, mit denen Umsatz zu schreiben ist. Der "normale Jugendliche" ist für die Jugendhilfe kaum noch von Interesse, gefragt sind nur "Benachteiligte" und deren Probleme.
Der Versuch, sich dem "Benachteiligten" mal rein sprachlich zu nähern, macht deutlich, dass offensichtlich mehr an den Symptomen als an den Ursachen gearbeitet wird. Wer oder was ist eigentlich "benachteiligt"? Wie erfährt ein Mensch eigentlich eine "Benachteiligung"? Schauen wir zunächst auf die Sprachebene: Kerninhalt des Wortes "Benachteiligung" ist ja der "Nachteil". Wenn jemand einen Nachteil erleidet, bekommt sie oder er weniger als andere oder aber, die anderen haben einen Vorteil, haben also mehr als die Benachteiligten.
Schaue ich nun auf die benachteiligten Jugendlichen, so scheint die Vorsilbe "be" des Begriffes "benachteiligt" eine Aktivität anderer Personen oder Institutionen vermitteln. Wer oder was benachteiligt die Jugendlichen denn aktiv? Wer oder was verschafft ihnen den Nachteil? So gibt es etwa im sozial- und bildungspolitischen Vokabular "bildungsbenachteiligte" Jugendliche. Werden diese jungen Menschen durch Bildung benachteiligt oder sind deren Zugänge zur Bildung nicht angemessen ausgestaltet? Welche Form von Nachteilen warten nun auf "sozial benachteiligte" Jugendliche? Ausgehend von der Bedeutung des lateinischen Stammes des Wortes "sozial" als Merkmal für Gemeinsamkeit, Verbundenheit sind dies somit "gemeinsam benachteiligte" junge Menschen. Die Gemeinschaft verschafft Jugendlichen einen Nachteil? Ein Skandal!
Diese durchaus polemische Annäherung an den Benachteiligungsbegriff macht deutlich, dass es sich bei den jugendlichen Zielgruppen der Jugendhilfe offenbar um Menschen handelt, die durch die Gesellschaft eine Beeinträchtigung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten erfahren. Dem schließt sich die Frage an, ob dann nicht eher mit der benachteiligenden Gesellschaft als mit den benachteiligten Jugendlichen vordergründig gearbeitet werden müsse?
Insgesamt ist einzuschätzen, dass sowohl Politik und Verwaltung wie auch Jugendhilfeinstitutionen zu einer Wortwahl übergangen sind, die an sich benachteiligend und stigmatisierend ist. Begriffe wie "bildungsungewohnte" oder "bildungsferne" Familien, oder "benachteiligte" Kinder nehmen soziale und bildungsseitige Stigmatisierungen vor, die undifferenzierten Schuldzuweisungen gleichkommen.
"Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert" ist einer der geflügelten Sätze, der immer wieder von Behinderten zu hören ist. In Anlehnung hieran ist man nicht benachteiligt, sondern wird benachteiligt. Für die Benachteiligungen sorgen gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die offenbar nicht allen Kindern, Jugendlichen und Familien einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesellschaft eröffnen.
Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz wurde eingangs der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Versuch gestartet, die Angebote und Leistungen der Jugendhilfe allen Kindern und Jugendlichen zugänglich zu machen. So sieht es zumindest der § 1 dieses Gesetzes: "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit." Die in den vielen Förderrichtlinien oder Fördergrundsätzen anzutreffende Orientierung der Jugendarbeit auf "Benachteiligte" hat zumindest in der wesentlichen gesetzlichen Grundlage dieses Arbeitsfeldes keine Heimat. In § 11 SGB VIII heißt es: "Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen".
Ohne Zweifel sind Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Förder- und Unterstützungsbedarf eine wichtige Zielgruppe der Jugendarbeit. Jedoch sollen Angebote der Jugendarbeit auch jungen Menschen unterbreitet werden, die einen solchen Bedarf nicht explizit vorzuweisen haben. Die Jugendarbeit bietet bedingt durch die Benachteiligungsperspektive keine hinreichende Attraktivität für aktive und engagierte Jugendliche, die durchaus für eine Bereicherung der Angebote sorgen könnten. So wurden in den vergangenen Jahren interessante und attraktive Handlungsfelder der Jugendarbeit aufgegeben, da sie sich mit ihren häufig kreativen, musischen und bildungsorientierten Angeboten nicht an die "defizitäre Kernzielgruppe" der Benachteiligten richteten. In Dresden wurden beispielsweise spezifische medienpädagogische Angebote fördertechnisch dem Kulturbereich zugewiesen und dann in die Arbeitsunfähigkeit getrieben. Gerade medienpädagogische Arbeit ist geeignet, Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen zur ermöglichen und deren Kritik- und Beteiligungsfähigkeit zu fördern.
Was treibt also Politik, Verwaltung und Jugendhilfe dazu, sich auf die Gruppe der Benachteiligten zu konzentrieren, während die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen von ihnen kaum Beachtung erfährt? Warum müssen Träger und Projekte um ihre Förderung kämpfen, die sich mit attraktiven Angeboten der Jugendbildung an "Mittelschichtjugendliche" wenden? Es ist richtig, sich Kindern und Jugendlichen mit entsprechendem Unterstützungsbedarf zuzuwenden, doch dies sollte eine Förderung der anderen jungen Menschen durch Freizeit- und Bildungsangebote im außerschulischen Bereich nicht ausschließen, so wie es im Grunde der Paragraf 11 SGB VIII auch wünscht.
Nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, welche Ziele die Benachteiligtenorientierung verfolgt. So ist es durchaus zu begrüßen, dass etwa der Zugang zu den Freiwilligendiensten für so genannte benachteiligte Jugendliche erleichtert wird. Dies jedoch gleich in eine Benachteiligtenquote bei der Vergabe der Plätze zu wandeln, ist eindeutig der falsche Weg. Der zweite Blick verrät, dass die Vermittlung in einen solchen Dienst durchaus auch der Arbeitslosenstatistik gut tut. Freiwilligendienste sind für nicht benachteiligte Jugendliche eine der wenigen Möglichkeiten, Nutznießer der finanziellen Aufwendungen für die Soziale Arbeit zu werden. Sie haben einen berufsorientierenden und bildenden Charakter, von dem eben auch "normale Jugendliche" profitieren können sollen.
Die allseits verbreitete Defizitorientierung verhindert außerdem den Blick auf die Stärkenperspektive der Zielgruppen. Die Wurzeln der Sozialen Arbeit, nämlich Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, sind offensichtlich längst vertrocknet. Es scheint (für die Sozialarbeit) attraktiver zu sein, jede / jeden Ratsuchenden möglichst schnell in eine professionelle Hilfestruktur zu vermitteln. Die jährlich steigenden Umsatzzahlen verweisen auf einen großen und interessanten Markt. So könnte der Eindruck entstehen, Selbsthilfe und Ehrenamt gefährdeten die Strukturen der Sozialen Arbeit. Berufsethische Debatten um den Zusammenhang von Fallzahlentwicklungen und Wirtschaft bleiben aus. Der Verweis auf zunehmende Probleme in den Familien muss als Erklärung reichen. Der Schwarze Peter liegt für die Mehraufwendungen der Sozialbehörden bei den Benachteiligten, es gibt keinen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ebenso fehlt eine selbstkritische Betrachtung der sozialen Institutionen, die mit ihren professionalisierten Strukturen kein Interesse an Selbsthilfe zu haben scheinen.
Etwas mehr Transparenz könnte der Sozialen Arbeit gut tun. Kein anderer gesellschaftlicher Bereich erhält einen so umfassenden und präzisen Einblick in die soziale Situation des Landes, doch erfährt man von den Organisationen der Sozialen Arbeit nur wenig über die soziale Lage der Bürgerinnen und Bürger. Politisches Agieren im Interesse einer Veränderung gesellschaftlicher und sozialer Rahmenbedingungen für die Menschen scheint nicht mehr zu Stärken Sozialer Arbeit zu gehören, denn eine Verbesserung der Lebensumstände gefährdet den sozialwirtschaftlichen Markt. Soziale Organisationen sollten sich ihres Aufklärungsauftrages wieder stärker bewusst werden und das politische Agieren für die Adressatinnen und Adressaten über die eigenen wirtschaftlichen Interessen stellen. Eine zukunftsfähige und an den Stärken der Zielgruppen orientierte Jugendhilfe nimmt stärker den Menschen mit seinen Ressourcen und Fähigkeiten in den Blick, als dessen Defizite zu betonen. Dies ist richtig verstandene Kundenorientierung, die die Zielgruppen ernst nimmt und mit ihnen auf gleicher Augenhöhe agiert. Dies sollte auch in einer anerkennenden und wertschätzenden Wortwahl Niederschlag finden.
Carsten Schöne
Dieser Artikel erschien in CORAX - Magazin für Kinder- und Jugendhilfe Ausgabe 5/2008


